Wochenende in der Rehakklinik

Am Wochenende gibt es keine Therapien, drum ist das Empfinden in der Rolle als Rehapatient ganz anders als die im Arbeitsleben. Dass die Wochenenden schnell vergehen sollen, würde ich mir zu Hause nichtmal unter starken Medikamenten oder Alkoholeinfluss wünschen 😉

Beim Frühstück heute hatte ich bei der Reha ein eher seltenes Erlebnis. Am Tisch sitzt ein sehr fitter Mensch, der mir empfahl einen 25km Wanderweg in den Bergen lieber jetzt bei Frost im vereisten Zustand zu laufen, bevor es dann ab morgen zu Matsch wird. Ähm…. ich habe das natürlich nicht gemacht aber fand diese Begegnung recht witzig, weil hier mindestens 80% des Klientels schlecht bis gar nicht laufen kann. Während ich in Berlin vor rasanten Fahrradfahrerin, 5er Gruppen, die in einer Reihe auf Fußwegen laufen, ausweiche, muss ich mich hier täglich vor Menschen mit Krücken, Stöckern, Gehwagen oder Rollstuhl in Acht nehmen. Hier in der Klinik komme ich mir wirklich bedrohter vor als im echten Leben draußen. Mir fällt auf, wie sich hier viele Menschen mit letzter Kraft auf unterschiedlicher Weise auf den Beinen halten. Oft sind sie dann so konzentriert, dass die Stöcker anderen vor die Füße werfen, wenn sie sich die Hände desinfizieren oder langsam gehend den ganzen Weg für beide Gehspuren einnehmen weil sie ständig von einer Seite zur nächsten eiern und sich der Stock unkontrolliert bewegt. Es lässt mich schon nicht unberührt, wie diese Menschen mit festem Willen aber hohen Unsicherheitsfaktor ihre letzten Strecken im Leben als Fußgänger absolvieren. Oft habe ich andere auch schon mit einem schreienden „Vorsicht“ gewarnt, um Zusammenstöße zu verhindern. Das ist schon eine sehr andere Welt hier! Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum man so eine spezielle Klinik mitten auf einem Berg aufgezogen hat. Hat man als Schlecht- bzw. Nichtgehender kein Recht auf frische Luft 100m vom Gebäude entfernt? Aber ich glaube darum geht es hier nicht. Ganz im Gegensatz zu mir, leben hier viele Menschen derartig auf, weil sie auf viele Gleichgesinnte treffen. Ich unterhalte mich selbstverständlich auch mit dem einen oder anderen aber für mich dient diese Zeit eher zum Runterkommen. Mein leicht eiriger Stechschritt ist nicht so besonders, dass es mich im Alltag isoliert. Dennoch wird es nun in nächster Zeit meine Aufgabe sein, mit meiner neuen beruflichen Rolle, in die Praxen und Kliniken so einzumarschieren wie ich eben laufe und möglichst wenig daran zu denken, was die anderen wohl denken mögen. Das nimmt mir nicht meine Kompetenz aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass es mich inkompetenter wirken lassen könnte. Aber sei es drum, im Büro verstecken gibts nun nicht mehr!

So wird hier zum Beispiel an jedem Abend ein riesen langer Tisch aufgebaut, wo mindestens 10 Rollstuhlfahrer dran sitzen und sich amüsieren. Menschen mit schlimm verformten Händen und Armen sind auch ein typisches Bild, die hier nicht doof angeglotzt werden. Zwischen den Wartephasen auf die Therapien höre ich wie schwer es ist den richtigen Rollstuhl von der Krankenkasse genehmigt zu bekommen. Manche Menschen probieren hier, die relativ alte Technik aus und merken wie sie nun fahrend eigentlich schneller vorankommen.

Apropos Desinfizieren! Ich kann mich noch erinnern, wie mich 2010 ein Norovirus in dieser Klinik niederstreckte, wo ich meinen Geburtstag unter Quarantäne im Zimmer verbringen musste, bis dann am späten Nachmittag die Zelle geöffnet wurde. Hygiene war zu dieser Zeit noch ein Fremdwort, auch noch 2012. Nun aber hängen an vielen Stellen, wie in Krankenhäusern diese Spender und dementsprechend krankenhausartig riecht es auch im ganzen Haus.

Aus diesem Grunde stecke ich meine Nase jeden Tag nach draußen. Heute bin ich bei eisiger Kälte erst nach Bad Sooden und dann weiter nach Allendorf gelaufen. Diese beide Stadtteile trennen sich durch einen reißenden Bach und 2 Brücken. Das Stadtbild hat sich nicht weiter verändert. Diese schönen Fachwerkhäuschen sind mitunter nicht mehr bewohnt. Ein paar Geschäfte sind noch offen aber man sieht kaum Menschen. Tote Hose in Allendorf. Schaut selbst:

Solche Straßennamen gibts wahrscheinlich nur in kleinen Örtchen.

Hier nun aber auch der reißende Bach in HDR-Ausführung, welche uns schönes Wetter vorgaukelt 😉 :

Auf dem Rückweg habe ich das Gradierwerk, welches derzeit saniert wird, fotografiert.

Man kann es nicht erkennen. Auf dem hinteren Teil auf der anderen Seite hängt ein dicker Banner, welcher ein Spektakel am 16.3. ankündigt! Es wird Beatrice Egli auftreten, uiuiui! Ich überlege immer noch ob ich hingehen soll nachdem Helene Fischer alle 5 Konzerte in Berlin abgesagt hat. Fertig überlegt: Nein danke!

Heute hat sich die Klinik etwas ganz besonders schönes ausgedacht. In der Lobby spielt heute eine „Reggae“-Band. Ich neigte dazu mich darüber lustig zu machen aber der Saal ist proppenvoll mit sich amüsierenden Menschen, die ihr Gehgerät, falls möglich, ein bisschen im Takt bewegten. Ich habe kurz mal reingeschnuppert und entschieden in der Rolle als großkotzige Berlinerin die Flucht anzutreten.  Ich komme mir hier in einer Zeit von vor 30 Jahren zurückgesetzt und nutze die Zeit für andere schönen Dinge. Sicherlich haben sich zu späterer Stunde Patienten, die sich in der Außenwelt nicht mehr trauen abzurocken, ihren Spaß gehabt und darüber macht man sich nicht lustig.

 

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