Verweichlicht eine Rehamaßnahme?

Das erste und das letzte Wochenende bei so einem Rehaaufenthalt ist immer das Schlimmste. Nummer 1 ist nun schon überstanden und war jetzt aber nicht krass schlimm sondern anders als zu Hause 😉 Beim Sonntagsspaziergang ziepte es an allen Stellen, was mich zum heutigen Thema bringt. Verweichlicht eine Rehamaßnahme? Ich sage mal ganz spontan Ja!

Das was ich nun schreibe, klingt erstmal schon krass aber das gehört zur Bewältigung schlichtweg dazu. Damit sich niemand Sorgen macht also direkt hier schon mal: Mir geht es wirklich ausgezeichnet!

Zum Ziepen ist die logische Erklärung, dass man seinen Körper besonders im Wasser aber auch in den anderen Therapien ganz anders und intensiver belastet, weswegen Stellen des Körpers wehtun, die sonst natürlich nicht beansprucht werden. Hierzu summieren sich noch ein paar andere Faktoren, die mich in der allerersten Reha extremst irritiert haben, dann aber von Reha zu Reha nachließen.

Während der ganzen Zeit wird man, für meine Belange, komische Dinge gefragt. Zum Einen wird man schon in der Aufnahmeuntersuchung gefragt, ob man arbeitet, wie lange man arbeitet, wie man zur Arbeit kommt, wie weit man laufen kann, ob man sich in Frührente wünscht etc… Diese Fragen ziehen sich dann weiter bei der Einzelkrankengymnastik sowie  bei der Ergotherapie. Dazu gesellen sich weitere Fragen, ob man sich alleine anziehen kann, ob man zu Hause alleine klar kommt,  Dosen öffnen kann und den Rest habe ich nun auch wieder vergessen. Das sind Fragen, die für mich nie eine Rolle spielen.  Einerseits war ich pikiert warum ich sowas gefragt werde und danach durchdachte mein Hirn mit welchen Hintergedanken ich das wohl gefragt wurde. Zumindest hat mich das während meiner ersten Reha ganze Krisen in mir hervorgerufen.

Zum Anderen sieht man die krauchenden Menschen um sich herum oder Tischnachbarn erzählen, dass sie mindestens ein Jahr schon nicht mehr arbeiten waren, eine Frührente anstreben oder gar nicht wissen wie es weitergeht. Nur ein kleiner Teil berichtete von seinem Beruf und die streben aber nun eine Teilerwerbsminderungsrente an… Die positiven Beispiele nimmt man unter Umständen nicht wahr. Also mein Gehirn ratterte die ganze Zeit lang. So fragte ich mich, ob ich mir die letzten Jahre zu viel zugemutet habe bzw. was das alles überhaupt ist, ob ich mir nun mal eingestehen sollte, dass ich irgendwas nicht mehr machen kann….  die Gedanken fuhren Achterbahn, während der Körper erstmal schwächer war als ich mit dem Zustand zur Reha kam. Ich negiert(t)e natürlich diese Fragen zur Frührente, weil das für mich nie in Frage kam und auf unabsehbarerer Zeit auch nie in Frage kommen soll. Zu Hause angekommen war ich diesbezüglich immer noch fertig Welt. Körperlich hatte ich mich sehr gut erholt aber all die (für mich) komischen Fragen schwirrten immer noch in meinem Kopf rum. Langsam begann ich mit dem Differenzieren.

Viele Menschen bekamen ihre Erkankungen mitten im Leben und hatten Berufe erlernt, die man nun nicht mehr ausführen kann. Alle technischen und handwerklichen Tätigkeiten können mit kaputten Händen und Füßen nicht mehr bewältigt werden… naja und mit 40 oder 50 Jahren muss man erstmal schauen wie es nun weitergeht. Manchmal sind die Einschränkungen grundsätzlich zu hoch um nun noch einen Beruf auszuüben. Jede dieser neuroläre Muskelerkrankungen verläuft anders, von daher lohnt das Vergleichen ein keiner Stelle.

Ein großer Teil der Menschen sind, wie ich, mit dieser Erkrankung aufgewachsen aber hatten nicht das Glück wie ich, dass die Eltern erkannten, dass nur die Motorik stark eingeschränkt war und dies bei jedem Elterngespräch verteidigen mussten… ich weiß noch wie oft ich meine Mutter gefragt habe, warum mir das so schwer fällt aber nie eine befriedigende Erklärung erhielt.

So oft ich mir als Kind z.B. gewünscht hätte von einigen Qualen, wie ich sie oft empfand, erlöst zu werden und mich oftmals als kleine Dummkopf gegenüber den anderen fühlte…. Mir war nicht bewusst, dass meine Gehirnleistung normal war, ich aber schwerer schreiben lernte und nie so schnell und sauber schreiben konnte, wie meine Klassenkameraden. Lehrer behandelten mich immer irgendwie anders aber meine Eltern bestanden bis aufs Letzte auf die höchstmögliche Bildung. Damals war ich mir nie so sicher wer nun Recht hatte, meine Eltern oder die Lehrer? Dieses Gefühl „schlechter“ und „weniger Wert“ als „die anderen“ zu sein beschlich mich bis zum letzten Tag meiner Schulbildung. Es ist wirklich verwunderlich warum man mir damals nicht Mittel zur Vereinfachung in die Hand gedrückt hat… ok, Laptops gab es damals noch nicht aber das Schulsystem ist halt nur für Menschen, die nicht aus dem Schema fallen ausgerichtet. Wenn man bedenkt, dass ich meine Ausbildung im Jahre 2001 zur Europa-Sekretärin aufgrund des Faches „Stenografie“ beinahe nicht geschafft hätte, dann stimmt da schon einiges nicht. Aber gut, soll heißen, dass sich hinter jeder Kleinigkeit Schwierigkeiten versteckt haben, die nicht einfach zu lösen waren. Oft haben Eltern den einfache erscheinenden Weg für ihre Kinder gewählt, den Weg der kleinsten Widerstände, so dass die höhere Bildung letzten Endes auf der Strecke blieb. Mein Elternexemplar ließen mich den ganzen Weg bis zu Ende gehen, weil sie zum einen wussten wussten, dass ich diese „hohe Bildung“ gerade wegen der körperlichen Beeinträchtigung benötige und zum anderen glaubten sie immer an mich. Tja, und als Kind/Jugendliche oft noch im Groll mit den Eltern/Lehrern/mir gewesen, kam am Ende eine riesengroße Dankbarkeit heraus (Naja, bis auf meinen Unmut gegenüber Lehrern bis zum heutigen Tage, hihi). Ein großer Teil der Menschen mit ähnlichen Einschränkungen blieben bei der Bildung irgendwo auf der Strecke und oft auch der Glaube an sich selbst.

Bildung ist natürlich nicht alles. Menschen, die tagtäglich auf Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, haben in Deutschland ein sehr abstruses Recht auf ihrer Seite. Da es auf mich nicht zutrifft und das Thema sonst noch viel zu ernst wird, gehe ich hierauf nicht weiter ein.

Aus diesem Grunde jucken mich all diese Fragen, die man hier mehrfach beantworten muss, nicht mehr oder nur ganz kurz mal. Das Hinterfragen dieser vielen „komischen Fragen“ war erst recht aufwändig, hat aber bei mir schon seit ein paar Jahren eine Demut hervorgerufen. Das hatte schon alles seine Berechtigung und man selbst hat die Chance immer das beste aus seiner Situation zu machen.

So richtig erheiternd werden meine Einträge scheinbar nicht mehr, hehe, aber ich schau mal, dass es hier noch irgendwann mal lustig wird. Ich befinde mich hier in der Gegend wirklich ein einer ganz anderen Welt. Grinsend stand ich heute nachmittags 10 min lang vor diesem Schild:

 

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