Rehakoller!

Heute morgen erwachte ich mit dem Gefühl „Oh Gott, Du bist ja immer noch hier“ – der Rehakoller ist ausgebrochen! 

Während ich Montag vormittag volles Programm hatte, sind wir dann nachmittags einmal zum Italiener ins Dorf ausgebüchst, um wenigstens einen vernünftigen Kaffee am Tag zu trinken und abends dann wieder um ein Schlückchen Alkohol einzunehmen, um nicht zu lange abstinent zu bleiben. In der Rehaeinrichtung kann man abends zwar auch Alkohol kaufen aber dieser Aufenthaltsraum ist so ungemütlich mit Möbeln aus den 60er Jahren (wie die Zimmer selbst auch) eingerichtet mit einer lauten Geräuschkulisse findet man mich dort abends nicht so oft an. So sehen am nächsten Morgen dann gerne mal die Mülleimer aus:

Die Anwendungsplanung in dieser Einrichtung ist nicht immer fehlerfrei. So standen auf meinem Zettel plötzlich 2 Logopädie-Termine sowie die Visite für Mittwoch. Nachdem ich am Dienstag früh aus der Infratotkabine hochgekrabbelt kam, klopfte es plötzlich an meiner Tür und dann stand der Chefarzt im Zimmer. Mein Gehirn ist noch nicht ganz abgeschaltet, so kombinierte ich, dass das wohl die Visite war. Hier klärte ich nur schnell ab, dass die Logopädie-Termine wohl ein Fehler der Planung war („Bisher hat sich niemand beschwert mich nicht zu verstehen aber Sie als Arzt treffen hier diese Entscheidung“ meinte ich nur und dann notierte sich das Ärzteteam grinsend, dass die diese Logopädie stornieren) und schon schwirrte die Ärzte-Truppe wieder ab. Ach, und ich fragte wer denn jetzt grad mein Arzt ist, falls ich mal Bedarf hätte. Da hob eine Dame ihre Hand, aber ihren Namen hat sie mir nicht verraten.  Wer also hier ärztliche Betreuung sucht, ist eher nicht so gut aufgehoben.  Später bei der Ergotherapie habe ich die Muskeln meiner linken und rechten Hand anderweitig als wildes Tippen in die Tastatur mit kleinen Spielchen in die Mangel nehmen müssen. Anschließend beim Mittag essen, war ich nicht in der Lage meine Gabel mit der linken Hand zu halten. Das hat mich allerdings nicht sonderlich irritiert, da die linke Hand außer bisschen Tippen den ganzen Tag nichts macht. So habe ich jetzt sogar kleine Übungen für meine Zugreisen für die Arbeit falls das WLAN nicht funktioniert (also immer!). Ich muss nur aufpassen, dass ich die anderen Passagiere nicht mit einem einfachen Gummi anschnippse, hihi. Die Hand wurde dann Stunde für Stunde besser. Wie ich vermutete war sie nur durch das intensive Arbeiten mit Gummis und kleinen Schwammteilen überbeansprucht.

Dienstag abends war wieder dieser Gesprächskreis mit den ebenfalls HMSN-Opfern. Dieser war ein Gesprächskreis, weswegen ich dort eigentlich nicht gern hingehe. Es wurde sehr viel darüber gesprochen was jetzt nicht mehr so geht bzw. kamen viele Fragen wie“Wann hat es denn bei Euch angefangen?“ oder  es wurden Hilfsmittel generell als Teufelszeug hingestellt etc… Bei einer Erkrankung, die bei jedem individuell verläuft, sind Fragen wie wann irgendwas angefangen hat, völlig redundant. Und Hilfsmittel sind Mittel um zu helfen. Wenn ich meine Fußheberschienen nicht hätte, würde ich so viele schöne Dinge  gar nicht machen können und regelmäßig hinfallen. Ich verstehe gar nicht, wie man da so stur und dumm sein kann. Sicherlich drückt da mal was am Beinchen aber ich kann damit unebene Flächen entlangtapseln und beispielsweise wunderschöne Natur erleben. Da ist Klettband um das Bein gewickelt, um die Schienen zu halten. Wenn man das nicht merken würde, wären sie nicht da! Wahrscheinlich bin ich da zu pragmatisch und noch zu erlebnishungrig. Ein Mann sagte, er könne nur 200 m am Stück laufen und darum hat er für länger Strecken einen Rollstuhl. Schon wurde er mit Argumenten konfrontiert, dass man doch nun faul würde. Was hat das mit faul sein zu tun? Stellt Euch mal vor nur 200 m am Stück gehen zu können! Dann kann so ein Rollstuhl doch nur lebensbereichernd sein und den Bewegungsumkreis erweitern. Hilfsmittel sind ein stark kontroverses Diskussionsthema, welches ich müde und satt bin. Das ist mal so ein Einblick warum Menschen mit Behinderungen so besonders stolz und stur sind. Ich bin es ja auch aber man sollte sich sein Leben nicht durch Sturheit einschränken, wenn es andere Optionen gäbe. Wenn ihr das an mir mal bemerkt, macht mich bitte darauf aufmerksam! So war diese Stunde gestern anstrengend und hat mich schlechtlaunig gemacht. Ich weiß nicht wie ich mich in 20 Jahren fortbewege – entweder so wie jetzt oder anders. Das ist mühselig sich jetzt schon darüber Gedanken zu machen. Am besten man lässt das Leben auf sich zukommen und trifft Entscheidungen wenn es soweit ist. Diese Gruppen irritieren ganz gerne mal aber ich habe ein Weg gefunden, dass innerhalb kürzester Zeit wieder loszuwerden und gegenteilig das Leben umso mehr zu genießen!

So erlebte ich den heutigen Tag eher miesepetrig. Am Nachmittag sollte ich einen Vortrag mit dem Thema „berufliche Rehabilitation“ beiwohnen. Hier ging es ausschließlich um das Ziel in Frührente zu gehen und Wiedereingliederung. Nachdem also die Themen der nächste Stunde vorgestellt wurden, stand ich auf und verließ den Saal. Warum wird so etwas auf den Plan eines Menschen geschrieben, der arbeitsfähig zur Reha kommt, um seinen Job direkt nach den 4 Wochen wieder wie gehabt aufnehmen wird? Naja, ich hab ja Beine zum weglaufen! Dies triggerte meine Gedanken direkt an meine Arbeit 😀 

Vorher erkämpfte ich mir noch einen Platz in dem berühmten Gangtrainer – ein überdimensionales Gerät, wo man mit Füßen und den ganzen Körper angeschnallt wird. Dann ahmt das Gerät richtige Gehbewegungen nach und die Füße laufen quasi wie von alleine, wie sie eigentlich sollte und der Körper steht aufrecht dazu. So kann sich das Gehirn wieder daran erinnern, wie es laufen würde, wenn die Unterschenkel mehr Kraft hätte und die Füße nicht deformiert wären. Vieles wird durch die Schienen ausgeglichen aber längst nicht alles. Cooles Gerät! Ein Berliner Professor hat dieses Gerät wohl erfunden. In Berlin wohnen schon krasse Leute! 😉 

Des Weiteren möchte ich Euch ja nicht neidisch machen aber schaut mal einer der vielen wilden Kreationen unserer Mittagsspeisen. Hähnchen mit Reis an Dosenobst mit undefinierter Sauce. So wie die gesamte Einrichtung, lebt man hier noch viele viele Jahre zurück. 

Morgen Abend essen wir auswärts, um nach Beendigung der Reha nicht ganz so traurig zu sein, dieses ausgewogene gesunde und geschmacksneutrales Essen zu verlieren. Na aber immerhin konnte ich nicht über zu wenig Farbe im Essen mäkeln. 

Es ist wirklich nicht alles Gold was glänzt, aber wenn man seinen Kopf hier ab und zu mal bemüht, dann kommt man schon gut durch. Das sind die heutigen Worte einer Rehakoller-Geplagten!

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