Das typische Rehaleben

Lange ist es her aber es passierte in den letzten 3 Tagen nicht so besonders viel. Mein Gehirn hat sich langsam der Gegebenheiten angepasst und so fließt alles an mir vorbei. Wobei heute wollte ich wie selbstverständlich kurz auf den Berg klettern, wo ich bemerkte, dass der Körper auch matschig ist. Aber das ist ein völlig normaler Zustand, sonst müsste ich schon wieder nach Hause fahren und arbeiten gehen! Ich vermisse das Arbeiten an sich rein gar nicht (wäre ja noch schöner) aber der tägliche Umgang mit meinen engeren Kollegen fehlt mir schon, da die Kommunikation bei einer Reha eher etwas merkwürdig ist. Dies berichtete ich ja bereits. Witzig ist, dass ich inzwischen so viele Menschen aus früheren Rehas getroffen habe und Therapeuten an mir vorbeilaufen und meinten „Ach, wieder ein bekanntes Gesicht hier“.  Dennoch bleibt der Tenor (außerhalb des wöchentlichen Gesprächskreises) eher in der oberflächlichen Ebene, außerhalb des Small Talks. Für Menschen wie mich, die Menschen erstmal kennenlernen müssen, bevor ich einschätzen kann was und wem ich was von mir erzählen möchte, sind die schon wieder nach Hause gefahren 😉 Mein Zitat bei einem Telefonat mit meiner Schwester war „Warum soll ich mit Menschen tiefere Gespräche führen, wenn ich sie vermutlich nie wieder sehe?“ beschreibt meinen leicht autistisch angehauchten Charakter wohl sehr gut, hehe. 

Diese Woche sind meine drei Tischpartner nach Hause gefahren und drei neue gekommen. Dies ist eine interessante Mischung. Es gibt eine lässige Pfälzin, über die ich gar nichts zu lästern habe. Eine weitere Dame beschwert sich in jedem zweiten Satz über alle mögliche Gegebenheiten. Entweder der Weg ist zu weit, das Essen zu wenig, das Ausflugsziel zu weit weg, die Zeit zu kurz/lang etc… Die dritte ist meine Spezialkandidatin aus der schönen Stadt Berlin – sehr laut, Aufmerksamkeitssüchtig, ständig am Publikum suchend, belehrend… seit Mittwoch versucht sie nun schon mir unter anderem einen Film auszuquatschen, den ich unbedingt sehen soll, Museen in Berlin ansehen, mein Leben so zu leben wie sie will…. Dann will sie immer hören, dass man genau so gehandelt hat, wie sie möchte aber leider bin ich der Typ „Nö, dann mache ich es erst recht nicht so“ 😉 Aber so unterschiedlich sind die Menschen. Meine Erfahrungen sagen, dass diese lauten Menschen diese Anerkennung benötigen, um ihr oft vermindertes Selbstwertgefühl aufzupolieren. Das überlasse ich den anderen und suche mir lieber die „leiseren“ Menschen. Diese Konstellation besteht nun bis zu meiner Abreise und ich bin gespannt auf die Entwicklung der unterschiedlichen Charakteren. 

Seitdem ich angereist bin, herrscht hier eine derartige Grippewelle, so dass teilweise Praktikanten einige Gruppen anleiten müssen. Was soll ich dazu sagen, gerade diese Gruppen machen besonders Spaß, weil diese sich viel mehr Mühe geben. So haben wir zum Beispiel Kindergartenspielchen mit einem großen Tuch im Kreis stehend gespielt, haben uns in einen großen Kreis auf Petzibällen so aufgestellt, dass wir von jeder Seite mit Stöcken mit den Nachbarn verbunden sind, die dann die Stöcken festhalten, damit man „akrobatische“ Übungen machen kann  oder sind mit einer Boje auf dem Kopf im Wasser rumgehüpft, die nicht vom Kopf fallen sollte. Das hat nun zur Folge, dass diese teilweise anstrengenden 30 min sehr abwechslungsreich sind und man diese Anstrengung mitunter gar nicht als dessen empfindet. Keiner lacht über die anderen, jeder macht was er kann. Wenn es so etwas zu Hause gäbe, würde ich mich dieser „Kindergartengruppe“ sofort anschließen. Bei Einzelkrankengymnastik, die man 4 mal pro Woche und Einzelergotherapie, die man 2 mal pro Woche hat, geht der Therapeut dann direkt an die Schwachstellen heran. Ich habe in der Tat vergessen, wie anstrengend das für den Körper ist aber ich nehme es so hin und weiß ja, dass ich am Ende der Wochen sehr gut erholt sein werde. Heute ist im Therapieraum bei der Einzel KG eine ältere Dame, die die erste Reha antrat, weinend zusammengebrochen, weil sie einige Übungen nicht so schaffte, wie sie wollte bzw., dies so anstrengend war. Die Therapeutin, bei der ich auch schon einmal war, musste sie also mit Mühe wieder motivieren und ihr verständlich machen, dass in der ersten Sitzung nach den Schwachstellen gesucht wird, um daran in den nächsten 4 Wochen zu arbeiten und dass man hier nicht so stark sein muss, wie zu Hause und sich auch mal fallen lassen kann. Das war sehr berührend mitanzusehen weil ich mich zugleich an meine ersten Reha erinnerte, wo ich nach der ersten Sitzung auch ein bisschen geschockt war, was ich alles nicht kann. Am Ende hat die Therapeutin ganze Arbeit geleistet und eine lächelnde Patientin aus dem Raum geschickt. Ihr fragt euch sicherlich warum ich das so genau beobachten konnte? Diese Krankengymnastikräume sind für mindestens 5 Patienten ausgerichtet und ich beobachte das unauffällig von meiner Liege aus, wo meinen Waden eine schöne heiße Rolle zu Gute kam. 

Jedenfalls schnieft und hustet das halbe Haus derzeit noch, wenn es nicht zu Hause im Bett oder liegend im Zimmer verbringen muss. Mich hat nur eine Erkältung erwischt, die ich selbstverständlich nicht mit nach Hause nehmen werde. 

Habe ich eigentlich schon über das Essen gemeckert? Über Frühstück und Abendbrot gibt es bis auf das Brot gar nix zu meckern aber das Mittagessen ist farblos und man sucht vergebens nach Geschmack und Gemüse? So ist es nicht unüblich einen Teller mit Kartoffeln, dünner Soße und einer dünnen Scheibe Fleisch in die Hand gedrückt zu bekommen. Gestern gab es einen Nudelauflauf, vor dem ich auch gerne so schnell weggelaufen wäre wie ich es gar nicht kann. Zum Glück gibt es dazu eine Salatbar mit ganz netten Dressings, die Frische in das Essen reinbringen. Wenn man abends am großen Aufenthaltsraum vorbeigeht, sieht und vor allem riecht man Gruppen von Menschen, die sich Essen bestellen. Das roch besonders gestern wie in einer Glutamathölle! Wow, was muss ich für ein verwöhnter Mensch sein! 😉 Ich selbst nehme das Essen in der Klinik, bis auf samstags, ganz störrisch ein, weil man eh schon pro Tag einen 10€ Aufenthaltszuschlag an die Rentenversicherung bezahlt und ich dann plötzlich doch ganz geizig und genügsam werde. So stelle ich mir schon meine Essenswünsche für die Zeit nach der Reha im Kopf zusammen und male das graue Essen in der Reha gedanklich mit Farbe aus.

Für morgen war eigentlich ein schöner Ausflug nach Eisenach geplant, der aufgrund einer Unpässlichkeit einer Dame verschoben werden musste 🙁 Nun verschlägt es mich morgen nach Göttingen und Sonntag ist Waschtag 😉

Ihr seht, es passiert hier eher nicht so viel und doch hat man einiges zu beobachten. Ich bin noch etwas mehr als 2 Wochen hier und freue mich schon auf den Erholungszustand, den ich bald zu spüren bekommen werde. 

 

 

 

 

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