Das anstrengende Rehaleben

Die letzte Woche vergeht immer ganz schnell. Am Montag hat sich mein Einzel-KG Therapeut geändert, so dass ich meine Wünsche angeben konnte und siehe da, er ging darauf ein. Und siehe da stand ich am Gehbarren und übte das „schön“ gehen. Bei der Einzelkrankengymnastik musste ich circa 30 kerzenähnliche Stafffelstäbe mit sämtlichen Verrenkungen auf ein überdimensionalen Spielfeld stecken und dann durch überspringen dieser Figuren das Spielfeld wieder leerräumen. Der Klinikrekord sind 2 übrige Figuren, meiner lag bei 3. Naja, die Handmuskulatur war gut beschäftigt und später bei den Gruppen in der Turnhalle und im Wasser wurde alles was sich bis dahin ausruhen durfte, aktiviert. Anschließend lief ich, wie fast jeden Tag, zum Kaffeetrinken mit einer Mitpatientin ins Dörfchen. Abends ging es dann im Gänsemarsch wieder runter, um mit gefühlt mit der halben Klinik ins Kino zu gehen.

Am Dienstag verfinsterte sich meine Miene direkt nach dem Aufstehen beim Blick aus dem Fenster. Frau Holle hatte ihre Betten nochmal gründlich ausgeschüttelt und es war trist! Dieser Tag gestaltete  sich ähnlich wie Montag aber mit ein paar Wohlfühlanwendungen zwischendrin.  Am Ende des Tages war meine Laune immer noch nicht ganz so hell, so beschloss ich den halbverpflichtenden Gesprächskreis für meine Erkrankung zu schwänzen, um unten im Dorf ein alkoholisches Getränk einzunehmen. Da diese Gruppengespräche unvorhersehbar sind und ich sie in dem Sinne nicht benötige, war diese Klinikflucht genau das richtige, was ich brauchte. Allerdings gab uns der nette „Barkeeper“ bereits 20 Uhr zu verstehen, dass wir die einigen Gäste sind und er nichts dagegen hätte, wenn wir nichts mehr nachbestellen, damit er zum Lernen nach Hause gehen kann. Als in Berlin wohnender Mensch möchte ich nicht wissen wie mein Gesicht bei dieser Verkündung ausgesehen haben muss. Der Barkeeper war ein Physiotherapie-Student, der sich neben dem Praktikum sein Geld dazu verdiente. 

Am Mittwoch hatte ich die laienhafteste Visite, die ich jemals erleben durfte. 2 gelangweilte Ärztinnen spazierten in mein Zimmer herein, da der Chefarzt verhindert war. Ohne Namensschild, ohne sich vorzustellen, und mit einem sichtbaren Fleck auf dem Oberteil erfragte wie es mir denn nun nach 3 Wochen Reha ginge. Ich erwiderte mein Standardtext und wies drauf hin, dass ich noch keinen Termin für ein Abschlussgespräch habe… dann streckte die zweite Ärztin ihre Hand raus, verabschiedete sich mit den Worten „Dann habe ich Sie auch mal kennengelernt!“ und beide Ärztinnen verschwanden wieder.

Heute morgen nach meiner Infrarotkabinensitzung erholte ich mich kurz auf meinem Bett, als plötzlich eine wieder völlig unbekannte (polnische) Ärztin mit ziemlich gebrochenen Deutsch, vor mir stand und mich zum Abschlussgespräch abholen wollte. Ich fragte sie wer sie denn ist und warum ich nun schon innerhalb 4 Wochen den dritten Arzt habe. Die Antwort war absolut nicht zu verwerten. Ich wies darauf hin, dass ich erst noch einen Termin unten in der Verwaltung ändern muss, da diese bald zu macht. Nach 2 Versuchen ihr das verständlich zu machen, hat sie mich nach 5 maligen wiederholen ihrer Zimmernummer passieren lassen.  5 min später kam ich dann bei dieser Göttin in Weiß im Zimmer, um das „Abschlussgespräch“ zu führen. Völlig unvorbereitet mit einer Dame, die ich vorher noch nie gesehen habe, die mit einem sehr starken Akzent versuchte Deutsch zu sprechen. Nach ein paar Selbstgesprächen mit sich selbst, wandte sie sich mich zu, nahm sie ein weißes Blatt Papier und sagte „Welche Ziele haben Sie hier erreicht? Sagen Sie was soll ich in Bericht schreiben?“ Ich guckte sie argwöhnisch an und bat sie die Seite aufzublättern, wo ich diese Ziele am Anfang der Reha mit Ärztin Nummer 1 verfasst habe. Irgendwie bekam sie das nicht hin… Keine Ahnung was das sollte aber ich sah, dass sie den Bericht von vor 4 Jahren vor sich hatte und ihn nur umschrieb. So machte ich mir keine Sorgen, was da am Ende wohl drin stand… ich werde als arbeitsfähig mit 6h (plus) täglich entlassen… anderes hätte ich auch nicht zugelassen 😉 Der Ärztezustand hier ist wirklich miserabel und für Menschen, die ärztlichen Rat brauchen, ist das eine Vollkathastrophe! Während ich vor 4 Jahren (und davor) noch danach gefragt wurde, ob man mir für bestimmte Dinge zu Hause verordnen könne, hat man heutzutage „seine“ Arzt überhaupt zu verstehen.  Während früher noch ein Zettel mit neuem Arzt, Telefonnummer und Sprechzeit an der Tür hing, verspürt man jetzt keinerlei Respekt und Benehmen der meisten Ärzte in dieser Klinik. Ich hoffe das ändert sich wieder oder ich hatte dieses Mal einfach nur Pech. Aber wie gesagt, ich brauchte keinen Arzt und die Aufnahmeärztin war super und hat meine Wünsche verstanden, von daher habe ich nicht zurückstecken müssen… Bei der Terminplanung durfte ich direkt noch Sonderwünsche für meinen letzten Anwendungstag durchgeben, die mir dann mitteilten, dass es am Ende ACHT Anwendungen sein werden. Mein Maximum war 6 am Tag. Puh! 

Heute war außerdem noch Tag der Abschlusstests. Während ich bei der Ergotherapie Werte verdoppeln könnte, waren die Werte bei der Krankengymnastik nur leicht besser. So viel darf man hier aber keinen Wert drauf legen, weil es nichts über den Erholungszustand und den Verbesserungszustand im Alltag aussagt. Das merkt man dann erst wenn der Alltag losgeht. „Verbessern“ ist aber immer gut und nach den ganzen weiteren Wasser- und Turnhallengruppen am heutigen Tage, muss ich mich nun erstmal ausruhen, bevor ich heute Abend „richtiges Essen“ im Dorf einnehmen werde. 

Ein paar weitere Beobachtungen, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, werde ich voraussichtlich morgen noch niederschreiben. Dabei geht es um Bilder, die sich in dieser Rehaklinik einprägen. Menschen, mit den stärksten Einschränkungen, deren Lebensdauer sich durchaus drastisch verkürzen wird, sind so dermaßen tapfer und versuchen sich hier mit neuen Hilfsmitteln einzugrooven. Vergleichsweise dazu gibt es Menschen mit Einschränkungen, die ein Pups dagegen sind, die sich und andere allerdings psychisch so fertig machen, die für mich in keinem Verhältnis stehen. Sicherlich muss man jedem Mensch ernst nehmen, aber manche nehmen sich ein wenig zu ernst. In dieser Beziehung bin ich wirklich froh, bald wieder auf freie Wildbahn weiterhoppeln zu können…

So ist das anstrengende Rehaleben 😉   

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