Der erste volle Tag

Heute begann mein erster voller Rehatag. Meine allererste „Aufgabe“ des Tages war zum Blutabnehmen in eine andere Etage gehen. Dort saßen schon 5 andere Hühnchen auf der Stange, um auf Gräfin Dracula zu warten, die das Blut nacheinander abzuzapfen. Also eher nichts sensationelles doch ich war überrascht wie sehr inzwischen an Schwestern eingespart wurde. Die gestrige Schwester hat sich gar keine Mühe gegeben ihren Unmut zu verbergen. Sie sagte zu mir, dass sie mir nichts erklären braucht, wenn ich schon ein paar mal hier war. Darauf antwortete ich, dass ich nur die Updates der letzten 4 Jahre benötige. Da polterte ein entsetzten „OH, da hat sich vieles verändert“ aus ihr heraus. Das nochmalige Blutdruckmessen bei mir hat sie total vergessen. Ich möchte nicht wissen wieviel Fehler bei echten kranken Menschen hier passieren durch diesen ganzen Sparsinn! Datenschutz spielt hier auch keine große Rolle. In meinem Postfach fliegen andauernd Zettel von meinem Vormieter ein. Schon dreimal habe ich sie bei der Rezeption abgegeben. So weiß ich den vollen Namen, Geburtstdatum und Diagnose des Patienten. Hier bin ich sicherlich nur aus beruflichen Gründen pikiert. Die Diagnose des Patient ist ein harter Brocken – ALS.

Mein Tag begann mit der Chefarztvisite. Dies kann man sich schon so wie im Krankenhaus vorstellen, doch man bespricht andere Punkte nach einem Schema F. In Woche 1 wird man man aufgrund des ganzen Dokumentationsaufwand schon gefragt, ob man seine Reha um eine weitere Woche verlängern möchte. Woher soll man das am ersten Tag wissen? Geschickter wäre es in der 3. Woche nachzugucken aber dann ist es zu spät dies mit der Rentenversicherung/Krankenkasse durch den Genehmigungsprozess zu kriegen. Das ist eine komische Regelung.  Für mich war allerdings schon immer klar, dass 4 Wochen definitiv ausreichend sind. Nach diesem einminütigen Gespräch streckt der Chefarzt dann schon seine Hand raus, um sein Abzug vorzubereiten. Nun muss man seine Frage(n) noch schnell rauswerfen bevor die Staubwolke durch die Tür gewirbelt ist. Bei mir hat es geklappt, da ich nur einen Extrawunsch hatte und keine weiteren Fragen.

Die erste halbe Woche verbringt man in der Regel mit Einweisungen (heute z.B Fitnessstudio, morgen werde ich zum vierten Mal in die Infrarotkabine eingewiesen) und erste Gruppentherapien. Bei der Einzelkrankengymnastik macht man mit dem Therapeuten Bestandsaufnahme und bespricht seine Ziele. Danach durchläuft man gewissen Tests, die am Ende der Reha nochmal wiederholt, um seinen Fortschritt nach 4 Wochen zu messen.  Außerdem kam mir heute ein Vierzellenbad zu Gute (googelt das mal ;-)) und ich hüpfte mit Anderen im Schwimmbad rum.

Ich bin zwar immer schon recht kritisch was so eine Reha anbelangt aber sich das relativ regelmäßig anzutun hat gewisse Vorteile. Die Rentenversicherung verlangt vom Patienten gewisse absolut gewinnbringende Seminare zu besuchen. Das heutige „Vortragsopfer“ hat mich von früher erkannt und meinte zu mir, dass sich an seinem Vortrag nichts geändert hat. Dabei unterschrieb er diese Session auf meinem Plan und ließ mich vor seinen Vortrag wieder gehen. Ist das nett oder ist das nett?! Ein weiterer Vorteil ist, dass die Chance höher ist Menschen von damaligen Rehas wiederzutreffen. So wollte es der Zufall, dass ein damaliger netter Tischnachbar von 2012 heute vor mir stand. Auch das war mal eine freudige Überraschung, da jeder Mensch, mit dem man nicht künstlich geschwollen sprechen muss, eine ganz fantastische Abwechslung ist.  Die Kommunikation unter vielen Patienten ist sehr eigenartig für mich. Sie sprechen die ganze Zeit über NICHTs aber reden und reden… dann verabreden Sie sich um wieder über NICHTS zu sprechen. Das ist nicht mit dem Business Small Talk zu verwechseln, denn da redet man wenigstens über das Wetter, seine Anreise, frühere Projekte, das Land des Gesprächsteilnehmers etc… aber hier ist gar kein Gehalt in den Gesprächen zu vernehmen, zumindest für mich. Hiermit präsentiert sich die Schreiberin des Beitrages als die Autistin des Tages, hihi.

Ein schönes Erlebnis hatte ich heute außerhalb der Klinik. Aufgrund der Schweinekälte, guckte ich mich mich nur etwas im nahen Umkreis um und entdeckte einen kleinen Wanderweg zu einem Ausblick hoch. Die Neugier ließ mich dem nachgehen bis mir ein Mann, in etwa so alt wie mein Opa, mit ungezogenen Dackel begegnete. Er fragte mich besorgt, ob ich mich verirrt habe. Als ich das verneinte, empfahl er mir unbedingt noch 200 Meter weiter zu laufen, um auf seiner warmgesessenen Bank den Blick nach unten zu genießen. Er kommt hier jeden Tag 2mal her und schaut von diesen Ausblick rüber, wo er früher aufgrund der grünen Grenze nicht rüber auf den Westen gucken durfte. Nun schaut er vom „Westen“ auf seinen „Osten“. Er hat das so schön formuliert und erfreut sich nun täglich 2mal daran hinzugucken wo er möchte. Seine Augen leuchteten bei dieser Unterhaltung hell. Ich bin immer wieder verwundert, dass sich kaum jemand für diese Umgebung und dessen Geschichte interessiert. Diesen Weg kann man zugegebener Weise nicht mit Rollstuhl oder Gehwagen bewältigen aber es gibt auch andere dieser Wege im Umkreis. Hier wurde früher auf Menschen geschossen, die versucht haben in den Westen zu fliehen und nur wenige Patienten wissen das. Menschen verloren hier ihr Leben oder wurden in Gefängnisse gesteckt, weil Sie zu ihren Familien oder generell „in die Freiheit“ wollten und wisst ihr was das interessanteste an einem gewöhnlichen Mittwoch in dieser Rehaklinik ist? Es gibt Waffeln! Mittwoch ist Waffeltag! (Die es im Dorf unten täglich gibt). Die Rehawelt ist schon eine seltsame Welt 😉

Hier noch 3 Ansichten meines Miniausflugs:

 

One thought on “Der erste volle Tag”

  1. Liebe Bine, nun haben wir gerade erst Deine Berichte der letzten drei Tage gelesen und genossen – was für eine Vielfalt der Eindrücke, Erfahrungen und Erinnerungen. Und das alles in so schöne Worte gefasst und mit einigen Fotos bebildert! Wir sind sehr beeindruckt – von Deiner humorvollen Gelassenheit, Deiner tiefen Dankbarkeit gegenüber Deinem nun 90-jährigem Großvater, Deinem aufmerksamen Sinn für die kleinen und doch so wichtigen Dinge des Lebens… Danke👏🤝🙏🏻
    In Vorfreude auf die Fortsetzungen grüßen Dich sehr herzlich mit guten Wünschen für Dich – Deine Angelika und Jakob.

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